Nidhögger, - der personifizierte Neid
Geheimnisse der Edda


Die Edda weißt diesem Fabeltier einen Platz zu, der sich am Grund der Schöpfung, im tiefsten Unbewußten befindet. Dort frißt Nidhögger Leichen, heißt es in der Völuspa. Und in der Tat ist die letzte Opposition, der wir auf der Erde begegnen, der Neid im Menschen.

Nidhögger = Neidhöcker, ein Drache mit Höckern oder eine Schlange mit Höckern - könnte das die Midgardschlange sein? Midgard, der Lebensbereich der Menschen, von der Schlange beherrscht? Wie wahr das klingt und unsere Aufgabe ist es, diese zu bezwingen. Erst dann werden wir verspüren, was Freiheit ist.

Diese Dinge bekommen nur einen Sinn, wenn man sie im spirituellen Licht betrachtet. Denn nur dort haben sie ihre Wahrheit. Das Mental des Menschen bezeichnet sie als Fabeleien unserer Vorfahren, - nun gut, wir aber wissen, das mehr dahinter steckt.

In den Veden ist es Vritra, der Bedecker, auch als Schlange bezeichnet, die dem Sucher nach Licht, nach der Wahrheit, mit ihren Windungen den Weg versperrt. In der Siegfriedsage ist es der Drache Nidhögger, der den Hort bewacht, der übermäßige Fülle bringt, symbolisiert als Goldschatz. Bewacht wird dieser Schatz von Fafner, der Name des Drachens, der in Wirklichkeit ein Riese ist. Die Riesen sind die Gegner der Götter, da sie für Trennung und Egoismus stehen und somit dem Wirken der Götter nach Harmonie und Liebe auf der Erde entgegenstehen.

Fafner, bewaffnet mit dem Schreckenshelm, wie uns die Edda weiter erzählt, wird von Siegfried in dem Augenblick getötet, als er sich genau unter der kriechenden Schlange in einer Grube befindet.

Was verbirgt sich nun hinter dem Ganzen?

Die erste Reaktion, die ein Sucher nach Licht (Siegfried) von seiner Umwelt erfährt, ist die des Neides und der Opposition. Dies ist durch die Schlange oder den Drachen symbolisiert. Dagegen mit den Mitteln der Vernunft zu kämpfen, in der Hoffnung den Gegner durch Argumente zu überzeugen, ist ein auswegloser Kampf, der nur ermüdet und zu nichts führt. Der Weg führt eher dahin, daß man die Gegnerschaft akzeptiert, sie duldet und den inneren Weg in Geduld weiter beschreitet. Dann kommt man im Laufe der Zeit zu einem Punkt, wo man die Falschheit des Gegners deutlich sieht, - das ist der Punkt in der Sage, wo sich Siegfried in der Grube (des Unterbewußtseins) befindet und sieht wie sich die Schlange über ihm bewegt. Dann sticht er zu und tötet sie. Das Schwert ist hier die Intelligenz des Suchers, der den Gegner mit Worten tötet, die spirituelle Kräfte sind. Das kann man nur dann, wenn man die Falschheit genau erkennt. Und dazu muß man in die Grube hinuntersteigen wie Siegfried. Das ist der Grund des Unbewußten in einem selbst. Danach haben sie kein Unterbewußtes mehr, ihr ganzes Wesen ist erleuchtet, voller Licht.

Noch ein Hindernis erwähnt die Edda, das sich dem Sucher entgegenstellt und das ist der Helm Fafners, - der Schreckenshelm, den kein Mensch betrachten kann, ohne zu zittern. (Nur Simrock übersetzt dies so). Diese wirkungsvolle Waffe Fafners, ist der Abgrund selbst, den der Sucher nur durch absolute Aufrichtigkeit überwinden kann. Ich habe einmal durch eine gedankliche egoistische Bewegung in ihn hineingeschaut, - der Schreck, wenn man da hineinblickt ist so groß, daß das ganze Wesen anfängt zu zittern. Denn er hat keinen Boden. Schauen sie doch mal in einen Abgrund ohne Boden, etwas schrecklicheres gibt es nicht. Nirgends gibt es einen Halt, weder in ihnen, noch außerhalb von ihnen. Und doch hat er seinen Sinn. Denn er zwingt uns alles zu geben, damit wir vor der Wahrheit nackt dastehen. Nur dann kann sie sich in uns ergießen und uns mit ihrem ewigen Schätzen füllen und eine neue Geburt herbeiführen.

Manchmal habe ich im Traum im tiefsten unbewußten Dunkel, ein sich öffnendes Auge gesehen oder eine schlangenhafte Bewegung verspürt. Vor einigen Tagen nun sah ich ihn ganz nah - den Nidhögger. Ich befand mich im Innern der Erde in einem schmalen engen Gang, worin einige menschliche Leichen übereinander lagen. Alles war von einem bräunlichen dämmrigen Licht erfüllt, bis ich seitwärts von mir einen dunklen Schlangenleib sah, der sich kraftvoll nach vorn an mir vorbei bewegte. Zwei oder drei Männer wären nötig gewesen, seinen Leib zu umfangen. Er schob sich bis zu dem Leichenberg vor und ich sah von hinten, wie er diese mit gierigen Würgen verschlang. Voila, - das ist er, der Bursche, den sie zu besiegen haben, wenn sie sich auf die Suche nach dem Wahrheitslicht machen. Haben sie das erreicht, dürfen sie sich Siegfried nennen. Sein Blut wird sie unsterblich machen, sie werden die einfache Tiersprache verstehen und den Schatz gewinnen. Der Schatz symbolisiert den Reichtum okkulten Wissens, der auf uns wartet, wenn wir das Ego überwunden haben.

Nach dem Sieg des neuen Lichts, dem Sieg Surturs des neuen Herrschers, das mit dem Untergang der momentanen Götterherrschaft begleitet ist, wird diese Schlange zusammen mit Loki, der Falschheit, das Menschenfeld verlassen. Auch das prophezeit uns die Edda und das Ankommen der Muspelsöhne, der Söhne der neuen Welt. Schri Aurobindo nannte es die Supramentalen Wesen.

Wir sehen, daß die Edda eine tiefe spirituelle Bedeutung hat und nicht nur Gefasel törichter Menschen ist. Haben sie jetzt die Bedeutung des Namens Siegfried erkannt? Sieg = das Siegen, -fried = Frieden. Jemand der durch den Sieg über den Drachen in sichselbst den unsterblichen Frieden erlangt hat.

Rolf Helmecke

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