Vom Großen Werk
 das Dich vollendet



"THE secret of action,” so we might summarise the message of the Gita, the word of its divine Teacher, “is one with the secret of all life and existence." So beginnt Sri Aurobindo sein letztes Kapitel aus Essays über die Gita, als seine abschließende Ergänzung der Botschaft der Bagavat Gita. Und wie mit tieftönenden eindringlichen Glockenschlägen wird uns der letzte Sinn menschlichen Daseins offenbart. Er weist den Aufstieg der Seele bis zu den höchsten Gipfeln.Webmaster


 

  1. Das Geheimnis des Handelns,
    ist das Geheimnis allen
    Lebens und Seins.
    Dasein ist mehr als
    ein Getriebe der Natur,
    der ewige Ablauf eines Gesetzes,
    darin die Seele sich
    einen Augenblick
    oder Jahrhunderte verfing.
    Dasein ist des Spirits
    immerwährende Gestaltung.
    Leben lebt nicht
    sich selbst zum Wohle,
    sondern für Gott.
    Und die schwingende
    Seele des Menschen
    ist der Gottheit ewiger Teil.

    Daß sich der Handelnde finde,
    erfülle und verwirkliche,
    ist Sinn allen Handelns,
    - nicht äußere, scheinbare Früchte
    des Augenblicks oder der Zukunft.
    Von höchster und gestalteter
    Beschaffenheit des Selbst bestimmt,
    wohnt allen Dingen
    Sinn und Gesetz inne,
    - ihre wahrhaftige Wahrheit,
    die, von Unwissenheit entstellt,
    in den Erscheinungsformen
    des Verstandes und seinen Tätigkeiten,
    nur zufällig und unvollkommen
    wiedergegeben werden kann.

    So wirst Du denn das erhabene,
    reinste Gesetz des Handelns
    nur erfüllen, wenn Du die Wahrheit
    Deines eigenen höchsten
    und innigsten Daseins entdeckst,
    in ihr lebst und Dich keiner
    äußeren Lebensregel unterstellst.

  2.   Hin bis zu solcher Zeit,
    wird alles Leben und Handeln
    immer mühsam und unvollkommen,
    ein Kampf und Problem sein.
    Erst wenn Du Dein wahres Selbst entdeckst,
    und seine wahrhaftige Wahrheit
    und wirkliche Wirklichkeit lebst,
    wird das Problem endgültig gelöst
    und der Kampf überwunden werden.
    In der Sicherheit des gefundenen Selbst
    werden sich Deine Taten vollenden,
    wird Spirit sich zu göttlichem Tun entfalten.

    So erkenne denn Dein Selbst.
    Wisse, daß Gott Dein wahres Sein ist
    und Du in ihm, dem Wesen aller Geschöpfe,
    vereint bist.
    Erkenne Deine Seele als einen Teil Gottes.
    Lebe in dem, was Du erfahren hast.
    Lebe im Selbst.
    Lebe in Deiner höchsten spirituellen Natur.
    Sei Gott vereint und ihm gleich.
    Weihe im Anfang dem Höchsten
    und Einen in Dir und der Welt,
    alles Tun als Opfer.
    Gib schließlich alles was Du bist
    und tust in seine Hände, daß der erhabene,
    universale Spirit durch Dich seinen Willen
    und sein Werk in der Welt vollbringen möge.

  3.  Dies ist die Lösung, die ich Dir darbiete
    und am Ende wirst Du erkennen,
    daß es keine andere gibt.
    Dies ist die große Wandlung und Verklärung,
    zu der ich die Auserwählten rufe.
    Und auserwählt sind a1l die,
    die ihr Wollen fort von der Unwissenheit
    wcrkzeughafter Natur, der Seele tiefster Erfahrung,
    - ihrem Wissen um das innere Selbst,
    ihrer Berührung mit der Gottheit,
    ihrer Macht, ins Göttliche einzugehen -,
    zuwenden können.
    Auserwählt sind alle zu diesem Glauben
    und größeren Gesetz Befähigten.

    Wohl fällt menschlicher Einsicht
    solches Bekenntnis schwer.
    Ist sie doch immer den Wolkenbildungen
    und blassen Lichtern eigener Unwissenheit,
    selbst den noch dunkleren Gewohnheiten
    in verstehenden, lebenden und körperlichen
    Bereichen verbunden.
    Aber einmal empfangen,
    ist sie ein großer sicherer, rettender Weg.
    Denn als des menschlichen Daseins
    wahrhaftige Wahrheit, ist sie die echte Regung
    seiner innersten, höchsten Natur.
    Doch ist es eine sehr große Änderung,
    eine ungeheuere Neugestaltung,
    die nur durch eine vollkommene Wandlung
    Deines ganzen Wesens und
    Deiner Natur geleistet werden kann.

  4.  Dein Selbst, Dein Sein und Leben
    ganz dem Höchsten und nichts anderem
    als dem Höchsten zu weihen
    und hinzugeben ist notwendend.
    Denn nur zum Wohle des Höchsten
    darf alles bewahrt, nur wie es in Gott
    und seinen Formen besteht oder so,
    daß es dem Göttlichen diene,
    darf alles hingenommen werden.
    Sich zur neuen Wahrheit zu bekennen,
    das Denken ganz zu wandeln
    und es einem neuen Wissen hinzugeben
    - einem Wissen um Dein Selbst
    und Andere, um Gott und Welt,
    um Seele und Natur,
    um Einheit und die göttliche Gestalt
    des Universums - ist notwendend.
    Das mag wohl zu Beginn verstanden werden.
    Am Ende aber muß es Vision
    und Bewußtsein, muß dauernder Zustand
    der Seele und ihrer Schwingungen sein.

    Und ein Wille ist notwendend,
    der diese neue Vision,
    dieses Bewußtsein und Wissen
    zum Quell seines Handelns bestimmt,
    zum einzigen Ursprung.
    Es darf nicht ein Antrieb
    zu widerstrebender, enger Handlung sein,
    die sich auf einzelne notwendige
    Geschehen der Natur oder wenige
    zu äußerer Vollkommenheit
    nützliche, einer religiösen Wandlung
    oder persönlichen Erlösung aber
    entgegengerichteten Dinge beschränkt.
    Es muß ein Streben sein,
    alle Tätigkeit menschlichen Lebens
    in gleichmütigem Geist
    zum Wohle Gottes und
    aller Schöpfung aufzunehmen.

  5.  In einer einzigen Liebe
    zum göttlichen Wesen,
    in einer einzigen Anbetung Gottes
    und Sehnsucht nach ihm,
    muß sich die Seele zum Höchsten erheben.
    Und das beruhigte und verklärte Herz
    muß sich ausbreiten,
    daß es Gott in allen Wesen umfange.

    Ein Wandel der gewöhnlichen,
    alltäglichen Natur des Menschen unserer Zeit,
    in eine höchste, göttlich-geistige Natur
    ist notwendend. So muß, in einem Wort,
    ein Großes Werk geleistet werden;
    ein Werk umfassenden Wissens,
    umfassenden Willens und seiner Werke,
    umfassender Liebe, Anbetung und Hingabe,
    umfassender geistiger Vollendung
    des ganzen Wesens in all seinen Teilen,
    seinen Zuständen, Kräften und Regungen.
    Welch Wissen aber ist es, das begreifend
    eingestanden, gläubig von der Seele getragen
    und in Denken, Lieben und Leben
    verwirklicht werden muß?
    Es ist das Wissen um Seele und Spirit
    in ihrer erhabenen Einheit und Ganzheit.
    Es ist das Wissen um Einen,
    der ewig über Zeit und Raum
    und Masse, Form und Welt,
    hoch über eigenen persönlichen
    und unpersönlichen Ebenen weilt,
    und der doch allem Ursprung ist,
    Einer, den die ganze, vielfältige Natur
    in ihren unzähligen Formen gestaltet.

  6. Es ist das Wissen um ihn,
    den ewigen, unpersönlichen,
    niemals sich wandelnden Spirit,
    um ihn, das ruhige, grenzenlose Sein,
    das wir Selbst nennen, das unendlich
    und gleichmütig, unbeeinflußt, unverändert
    und verwandelt in all diesem
    ununterbrochenen Wechsel,
    dieser Vielzahl persönlicher Gestaltung,
    diesen Seelen-Mächten und Natur-Kräften,
    diesen Formen, Gewalten und Möglichkeiten
    vergänglichen, trügerischen Daseins
    immer das Gleiche bleibt.
    Und es ist das Wissen um ihn,
    den Spirit, als Macht, die ewig wandelbar
    in der Natur ercheint, um ihn,
    den Innigsten, der sich jeder Form einfügt,
    sich zu jedem Grad und Tun
    seiner Macht verändert.
    Im Menschen, Tier und Ding,
    in Gegenständlichem und Inständigem,
    in Seele, Denken, Leben und Leib,
    in jeder Daseinsform und Kraft
    und Kreatur wohnt dieser Geist,
    der alles wird, was ist und doch ewig
    Unendliches mehr bleibt als alles Seiende.
    Du kannst dies Große Werk nicht leisten,
    so lange Du noch auf dieser oder jener Ansicht
    der Wahrheit bestehst. Denn das Göttliche,
    das Du suchen, das Selbst, das Du
    entdecken mußt, die erhabene Seele,
    der Dein innigstes Wesen
    als ewiger Teil angehört,
    vereint alle Ansichten in sich.
    In ihrer erhabenen Einheit solltest
    Du sie erkennen, solltest in alle
    zugleich eingehen und nur den Einen
    in allen Dingen und Zuständen sehen.
    Wäre er allein der in der Natur
    sich wandelnde Spirit,
    gäbe es nur des Weltalls ewiges Werden.
    Engst Du Dein Wissen und Deinen Glauben
    in solcher Betrachtung ein,
    wirst Du Deine Persönlichkeit
    und ihre sich unentwegt wandelnde
    Gestalt niemals überwinden,
    wirst in den Kreislauf der Natur
    für immer einbezogen bleiben.
    Aber Du bist mehr, als eine Reihe
    seelischer Augenblicke in der Zeit.
    In Deinem Innern wirkt ein Selbst
    - Gottes weiter unpersönlicher Geist -
    und trägt den Strom Deiner Persönlichkeit.
    Unübersehbar hoch über Persönlichem
    und Unpersönlichem beherrschst
    Du diese beiden bleibenden Pole
    Deines Hierseins, findest Dich
    im ewigen Überirdischen ewig
    und überirdisch. Und wäre wiederum
    ein ewiges, unpersönliches Selbst,
    das nicht handelt noch schafft,
    die einzige Wahrheit, würden aus Seele
    und Welt grundlose Täuschungen.
    Engst Du Dein Wissen und Deinen Glauben
    zu solcher einsamen Betrachtung ein,
    wirst Du Dich nicht anders retten können,
    als dem Leben und Tätigsein
    zu entsagen. Aber ihr
    - Gott in der Welt und Du in der Welt -
    seid Wirklichkeiten, ihr
    - die Welt und Du -
    seid wahr, seid unsterbliche Mächte
    und Gestaltungen des Erhabenen.
    Darum entsage dem Dasein nicht.
    Ergreife das Leben und sei tätig.
    In Deinem unpersönlichen Selbst,
    Deinem innigsten Wesen,
    bist Du Gott, bist ein ewiger Teil
    der Gottheit, der sich ihr in Liebe
    und Anbetung Deiner geistigen
    Persönlichkeit um seiner eigenen
    Unendlichkeit willen zugewandt hat.
    Gestalte Deine Natur in ihre Bestimmung,
    daß sie ein Werkzeug der Arbeit,
    ein Strombett göttlicher Macht werde.
    Sei das, was jetzt durch niedere Natur
    noch unbewußt und unvollkommen
    von Deinem Ich die Gottheit zu entstellen
    verdammt ist, stets seiner Wahrheit gemäß.
    Bilde es wissend und vollende es
    - ohne daß ein Ich es mißgestalte -
    zu einer Macht des Göttlichen in seiner
    erhabenen, spirituellen Natur,
    zu einem Träger seines Willens,
    seiner Werke. Dann wirst Du die
    umfassende Wahrheit Deines Wesens leben
    und in vollkommener Einheit mit Gott
    das ganze Große Werk besitzen.
    Ewig über aller Gestaltung,
    unendlich über allen Grenzen des Raumes,
    der Zeit und Ursächlichkeit
    und seinen zahllosen Eigenschaften
    und Formen weilt der Erhabenste.
    Aber er ist den irdischen Wesen,
    ist der Welt, der Natur nicht fern.
    Noch in hoher Ewigkeit ist er
    allem Hiesigen innig verbunden.
    Er ist das erhabenste, unsagbare Geistige,
    das unpersönliche Selbst
    und alles persönliche Dasein.
    Der irdische Geist und das Leben,
    Materie, Seele, Natur
    und die Werke der Schöpfung
    sind Ansichten und Schwingungen
    seines unendlichen, ewigen Seins.

     

  7. Er ist der erhabene, überirdische Geist.
    Alles gestaltet sich aus ihm,
    ist Form und Macht seines Selbst.
    So durchdringt er voll Gleichmut
    das Irdische, ist unpersönlich
    im Menschen, Tier und Ding,
    in allem Gegenständlichen
    und jeder Kraft der Natur.
    Er ist die erhabene Seele,
    und alle Seelen sind
    unermüdliche Flammen dieser einen.
    Jedes lebende Wesen ist in seiner
    geistigen Persönlichkeit
    unsterblicher Teil dieser einen Person.
    Er ist der ewige Meister
    alles gestalteten Daseins,
    Herr der Welten und ihrer Geschöpfe.
    Er ist der allmächtige Urheber
    aller Handlung, den seine Werke
    nicht binden, und alles Tun,
    alle Mühen und Opfer strömen ihm zu.
    Er ist in allem und alles in ihm.
    Er wurde alles
    und weilt doch über allem.
    Ihn engt seine Schöpfung nicht ein.
    Er ist das überirdische Göttliche.
    Er erscheint als Mensch auf Erden
    und ;gestaltet sich als Genius.
    Fr ist die heimliche Gottheit
    in allen Menschen
    und die vielen von uns verehrten Götter
    sind nur Persönlichkeiten,
    Formen, Namen und erdachte Körper
    dieses einen göttlichen Seins.
    Aus seinem geistigen Gehalt
    und in sein eigenes unendliches Sein
    hat der Erhabenste die Welt
    und in ihr auch sich selbst
    vielfältig gestaltet.
    Alle Dinge sind seine Mächte und Formen
    und da er selber unendlich ist,
    ist auch dieser kein Ende.
    In seinem allesdurchdringenden,
    allesenthaltenden Sein trägt
    und belebt er gleichmütig,
    ohne besondere Zuneigung
    oder Vorliebe für einen Menschen,
    eine Form, einen Gegenstand
    oder ein Geschehen diese unendliche
    Gestaltung in Weltraum und Zeit.

     

  8. Das reine, gleichmäßige Selbst
    ist nicht tätig. Uneingenommen trägt es
    alles Geschehen und bleibt dennoch
    als Geist des Weltalls, als Zeitgeist,
    der Erhabenste, der durch seine Macht
    zu vielfältigem Dasein
    - jene Macht des Geistes,
    die wir Natur nennen -
    die Tätigkeit der Welt will,
    leitet und bestimmt.
    Er schafft, erhält und zerstört seine Schöpfungen.
    Jedes lebende Wesen trägt ihn im Herzen,
    daraus er, wie aus seiner Allgegenwart im Weltall,
    als verborgene Macht einige Entwürfe
    seines Geheimnisses durch die
    vollziehende Kraft der Schöpfung
    in natürlicher Beschaffenheit gestaltet.
    So bildet er einzeln jeden Gegenstand
    und jedes Wesen ihrer Art gemäß,
    läßt alles Tätigsein beginnen
    und trägt seinen Vollzug.
    Durch diese überirdische,
    erste Urhebung aus dem Erhabensten,
    diese immerwährende einzelne
    und umfassende Gestaltung
    seines Seins in Dingen und Wesen,
    wird dem Weltall seine vielfältige
    Beschaffenheit zuteil.
    Immer währen diese drei
    ewigen Zustände göttlichen Seins.
    Immer währt dieses eine
    ewig beständige Selbst,
    auf dem sich das Dasein gründet.
    Immer währt dieser, in der Natur
    sich wandelnde Geist, den sie
    in all ihren Lebensformen gestaltet.
    Immer währt dieses überirdisch Göttliche,
    dem beide Seinsweisen
    - die des reinen, schweigenden Geistes
    und die der tätigen Seele,
    der Lebenskreise des Weltalls -
    gleichweilig eigen sind.
    Denn es ist mehr und anders als diese,
    Du magst sie getrennt
    oder vereint betrachten.
    Tief in uns ist ein Wesen lebendig,
    ein Geäst dieses Geistes,
    eine wissende Macht des Erhabensten.
    Die trägt in ihrem innigsten Selbst
    das ganze Irdisch-Göttliche,
    und der Natur wesentlich,
    lebt sie im Göttlichen der Welt.
    Von zeitlicher Erschaffung unberührt,
    handelt und regt sie sich
    - eine ewige Seele -
    im ewigen Selbst und Unendlichen.
    Die wissende Seele in uns kann jeden
    dieser drei Geisteszustände annehmen.
    Der Mensch kann in der unbeständigen Natur
    allein leben, nur sie kennen
    und mag um sein wahres Selbst,
    die Gottheit in ihm nicht wissen.
    Er sieht in der Natur den leeren Vollzug
    einer erschaffenden Kraft
    und betrachtet sich und andere
    als ihre Geschöpfe, als einsam
    abgetrennte Wesen ihres Weltalls.
    Das ist seine Unwissenheit
    in der er heute lebt.
    So kommt es, daß all sein Denken,
    seine Wissenschaften,
    nur Schatten sind, die ein Licht auf Masken
    und Oberflächen werfen.
    All das ist möglich, weil es ihm auferlegt wurde
    - die Gottheit im Innern hat sich hinter
    dem Schleier ihrer eigenen Macht verborgen
    - und wird dauern, bis er sein Bewußtsein
    weitet und erkennt, was in ihm wirkt.
    Der Gottheit größere Wirklichkeit
    ist unserer Einsicht verloren.
    Denn in unvollkommenen Erscheinungen
    ist sie ihren Schöpfungen und Bildern
    gleich geworden, hat das erschaffene
    Gemüt mit den trügerischen Werken
    eigener Natur erfüllt.
    Und weil die Erscheinungen
    die wirkliche, ewig geistige Natur,
    die das Geheimnis der Innigkeit
    in den Dingen ist, nicht offenbaren,
    auch darum ist menschliche Unwissenheit möglich.
    Die Natur, die wir um uns tätig sehen
    und die in unserem Denken,
    in Körper und Sinnen handelt,
    ist eine niedere, verirrte Kraft,
    ein Magier, der die Wahrheit verschweigt,
    aus Geist Gestalten schafft
    und die Menschen zwingt,
    gegen ihre Masken zu sehen.
    Sie ist eine Kraft, die zu einer bestimmten
    Anzahl mittelmäßiger Werte fähig ist,
    nicht aber zur ganzen Macht und Herrlichkeit,
    zur vollen Innigkeit und Verzückung
    göttlicher Gestaltung.
    Diese uns eigene Natur ist der Schleier des Ich,
    ein Gewirr aus Gegensätzen, ein Netz, gewoben aus Unwissenheit
    und den drei Ureigenschaften des Daseins.
    (Gleichgewicht, Klarheit, Erleuchtung, Harmonie,
    Freude, Wissen, Glück, Friede. - Tätigkeit, Leidenschaft, Begierde, Kampfeslust, Herrschaft, Lebenskraft, Leid.
    - Trägheit, Unbewußtsein, Dunkelheit, Unfähigkeit,
    Faulheit, Schlaffheit, Schlaf. )

    - Solange die Seele des Menschen
    im oberflächlichen Spiel des Denkens,
    Lebens und Körpers treibt und nicht
    im Geist ihres Selbst lebt,
    vermag der Mensch den Schleier
    nicht zu zerreißen und also Gott,
    sich und die Welt nicht zu begreifen,
    wie sie wirklich sind.
    Statt ihrer muß er sich mit Bildern
    und Begriffen helfen.
    Aber es ist möglich, sich dem niederen Ablauf
    menschlicher Natur, den Du heute lebst, zu entziehen.
    Du kannst aus diesem Licht,
    das Dunkelheit ist, zur leuchtenden Wahrheit
    ewig währenden Selbst-Seins
    und einem Leben in ihr erwachen.
    Wer das vollbringt, ist nicht länger der Gefangene
    seiner engen Persönlichkeitszelle,
    hält sich nicht mehr für ein kleines Ich,
    das denkt und handelt, fühlt und
    für Weniges ringt und arbeitet.

     

  9. In des Spirits weite, freie Unpersönlichkeit getaucht,
    wird er selber spirituell und weiß sich also
    als ein Selbst in allen Dingen.
    Nun ist er sich keines Ich's mehr bewußt,
    findet sich nicht mehr in Widersprüche
    verstrickt, fühlt nicht länger die Angst
    des Schmerzes oder die Verwirrung der Freude
    wird nicht mehr von Begierden gepackt,
    von Sünden gequält oder durch Tugend beengt.
    Und selbst,
    wenn noch die Schatten dieser Dinge dauern:
    er sieht und weiß sie nun als Arbeitsweise,
    die allein der Natur in ihrer besonderen
    Beschaffenheit eigen ist
    und wird sie nicht mehr als seine Wahrheit empfinden,
    in der er jetzt lebt.
    Nur die Natur ist tätig
    und arbeitet ihre Formen aus.
    Der reine Geist schweigt regungslos und frei.
    Ruhig, von ihrem Schaffen unberührt,
    sieht er ihr mit vollendetem Gleichmut zu
    und weiß sich anders.
    Solch geistiger Zustand bringt Freiheit
    und stillen Frieden.
    Wirkende Göttlichkeit aber,
    umfassende Vollendung
    ist nicht in ihm möglich.
    Ereignet er sich, ist Großes erreicht.
    Doch ist er nicht das erhabene Ziel
    umfassenden Gott-Wissens
    und letzter Selbsterkenntnis.
    Nur dieses eine führt Dich
    zu vollendeter Vollendung:
    im ganzen, höchsten Göttlichen zu leben.
    Die Seele des Menschen vereint sich
    der Gottheit an der sie teilhat
    und in Selbst und Spirit
    wird sie zu allen Wesen,
    wird ihnen Gott und Natur.
    Frei und erfüllt
    sinkt sie in erhabene Glückseligkeit
    und ist zu letzter Vollendung bereit.
    Noch immer sieht der Mensch das Selbst,
    als ewigen, unwandelbaren Spirit,
    alles Dasein schweigend tragen.
    Zugleich aber erlebt er die Natur
    nicht mehr als leere Kraft,
    die die Dinge im Getriebe
    ihrer Ureigenschaften ausarbeitet,
    sondern als geistige Macht,
    als göttliche Kraft im Gestalteten.
    Er erkennt, daß die niedere Natur
    die innigste Wahrheit geistiger Tätigkeit
    nicht erfüllt und erlebt eine höhere,
    geistige Natur des Göttlichen,
    die Urquell und Wahrheit all dessen ist,
    was sich heute in Denken, Leben
    und Körper noch unvollkommen geformt findet
    - eine Wahrheit, die es zu verwirklichen gilt.
    Sein Aufstieg aus niederem Denken
    zu dieser erhabenen, geistigen Natur
    befreit ihn auf immer vom Ich.
    Er weiß sich ein geistiges Wesen,
    das in seinem Innern alles Dasein,
    in seiner tätigen Natur
    eine Macht einziger Gottheit,
    eine Seele überirdischer Unendlichkeit ist.
    In allem Sein sieht er Gott
    und in Gott alles Sein.
    Jedes Dinges wird er als Seele
    des Weltalls gewahr.
    Und nun ist er befreit aus den Gegensätzen
    von Freude und Schmerz,
    Angenehmem und Mißlichem,
    von Hoffnung und Enttäuschung,
    Sünde und Tugend.
    Nun ist die Zeit gekommen,
    da seinem wissenden Blick und Gefühl,
    alles Wille und Werden des Göttlichen ist.
    Erfüllt von überirdischer Freude
    lebt und handelt er als Seele,
    als Teil der allumfassenden Bewußtheitskraft.
    Sein Tun wird göttlich
    und höchst geistig sein Zustand.

     

  10. Dies ist die Erklärung,
    dies die Erlösung, dies die Vollendung,
    die Ich all denen darbiete,
    die der göttlichen Stimme in sich
    zu lauschen vermögen und solchen Glaubens,
    solcher Einsicht fähig sind.
    Um aber dieser überragenden Natur
    teilhaftig zu werden, ist es zunächst notwendig,
    sich allem abzuwenden;
    das niederer Natur angehört
    und Wollen und Denken ganz in dem zu sammeln,
    das alles Wollen und Denken,
    das Herz und Vernunft, Körper und Sinn übersteigt.
    Das sei der erste, wesentliche Schritt.
    Und dann wende Dich vor allem
    Deinem eigenen ewigen,
    unwandelbaren Selbst zu, das unpersönlich,
    das Selbst aller Geschöpfe ist.
    Da Du noch ein Ich,
    ein selbst-denkendes Wesen lebst,
    wirst Du endlos in den immer gleichen Kreisen wirbeln.
    Jenseits des Herzens und seiner Wünsche,
    jenseits der Sinne und ihrer Reize,
    wende Deinen Willen nach Innen.
    Überhebe ihn der Vernunft, ihren Gedanken,
    Neigungen und gefesselten Wünschen,
    ihren Ideen und Trieben.
    Gelange zum Ewigen Deines Innern.
    Sei das Beständige, Ruhige, Ungestörte, Gleichmütige,
    daß kein Mensch, kein Ding und Geschehen
    Dich einnehmen kann.
    Kein Tätigsein bewege, keine Form
    der Natur verändere Dich.
    Sei ewiges Selbst.
    Sei Geist.
    Durch immerwährende innigste Erfahrung
    kann es gelingen.
    Dann wirst Du sicher gegründet sein,
    um frei von den Engen Deines Ich,
    Deiner Persönlichkeit,
    die Du mit Gedanken erschufst,
    und sicher gegen jeden Sturz,
    aus Friede und Wissen bestehen.
    Da Du jedoch Dein Ich,
    und sei es nur in einem kleinsten Teil,
    noch hegst und pflegst
    und ihm verbunden bleibst,
    wirst Du Dein Wesen nicht
    zu Unpersönlichkeit erweitern können.
    Begierde und ihre Leidenschaft
    sind wesentliche Zeichen und
    Verschlingungen des Ich.
    Du hörst nicht auf „ich" und „mein" zu sagen
    und bleibst in eigensinniger Selbstsucht
    an Befriedigung und Entbehrung gefesselt,
    an Neigung und Abneigung,
    Hoffnung und Verzweiflung,
    Freude und Schmerz,
    an Deine kleinen Lieben und Feindschaften,
    Deine Ergebenheit an Erfolg und
    angenehme Dinge, an Sorge und Leid,
    um Mißlungenes und Unangenehmes,
    an Ärger und Haß.
    So wirkt Begierde in Dir.
    Immer ist es Verlangen,
    daß Dir das Denken verwirrt,
    den Willen begrenzt, das uns die Dinge
    in selbstsüchtig verzerrten Bildern zeigt
    und die Erkenntnis umwölkend verdunkelt.

     

  11. Aller Sünde, allen Irrtums tiefste,
    starke Wurzel ist Begierde,
    ihre Vorlieben und Gewaltsamkeiten.
    Keine sichere, reine Stille, kein stetes Licht,
    kein ruhiges, klares Wissen kann Dir geschehen,
    da Du noch Begierden nährst.
    Denn sie sind Verirrte des Geistes
    und lassen kein echtes Sein,
    keine feste Gründung rechten Denkens,
    Fühlens und Handelns zu.
    In welchem Gewand der Begierde auch immer
    zu wirken gewährt werden möge:
    sie bleibt auch dem Weisesten dauernd Gef ahr
    . Denn jeden Augenblick
    kann sie die Vernunft, zart oder mit Gewalt,
    von ihrem Thron stürzen.
    Darum ist sie der Erzfeind, geistiger Vollendung.
    So töte denn Dein Verlangen.
    Zerreiße, was Dich an Besitz und
    oberflächliche Freuden bindet.
    Trenne Dich von allem,
    das Dich außen berührt und Dir
    im Gegenübersein Sinn und Denken reizt.
    Lerne die Flut der Leidenschaften zu fassen
    und abfließen zu lassen.
    Lerne sicher in Deinem Selbst zu ruhen
    - auch wenn sie Deine Glieder durchtoben
    bis am Ende kein Teil Deiner Natur mehr
    ihren Einstrom leidet.
    Fange in gleicher Weise
    die kräftigen Angriffe und die zarten,
    sich einschmeichelnden Berührungen
    von Freude und Leid auf und weise sie ab.
    Verwirf Neigung und Abneigung,
    vernichte Vorliebe und Haß,
    entwurzele Schaudern und Widerwillen.
    Gib im Angesicht solcher Regungen
    und allem Begehrendem Deiner Natur
    ruhigem Gleichmut Raum.
    Betrachte sie mit der schweigenden,
    stillen Aufmerksamkeit unpersönlichen Geistes.

     

  12. Solch vollkommener Gleichmut,
    die Macht dieser unerschütterlichen Ruhe,
    die der allumfassende Geist im Angesicht
    seiner Schöpfungen und der vielfältigen
    Tätigkeit der Natur bewahrt,
    wird die Frucht Deiner Bemühungen sein.
    Sieh Dich voll Gleichmut um.
    Nimm was Dich trifft, in Deinem Herzen
    und Gemüt gelassen auf
    - Erfolg und Mißlingen, Ehre und Entehrung,
    die Achtung und Liebe der Menschen,
    wie ihre Verurteilung, ihren Spott und Haß -
    jedes Geschehen, das Anderen Ursache
    zu Freude oder Schmerz würde.
    Begegne allen Menschen mit Gleichmut
    - dem Guten wie dem Bösen,
    dem Weisen wie dem Narren,
    dem Reichen wie dem Armen,
    dem Erhabensten wie dem Kümmerlichsten.
    Wende Dich ihnen gelassen zu
    - Du seist ihnen gleichgültig, seist ihnen Freund oder Feind, Gehaßter oder Geliebter.
    Ihre Gefühle treffen das Ich
    und Du bist aufgerufen,
    davon frei zu sein.
    Betrachte alle menschlichen Beziehungen
    mit der tiefen Einsicht unpersönlichen Geistes
    und nimm, von ihnen unbeeinflußt,
    zeitliche und persönliche Unterschiede wahr.
    Denn Deinen Sinn sollst Du nicht
    auf das Verschiedene richten,
    sondern auf das Gleiche in allem,
    auf das eine Selbst, das alle sind,
    auf das Göttliche jeden Geschöpfes,
    auf das eine Werk der Natur,
    welches der gleiche Wille Gottes in Menschen,
    Dingen. Kräften und Geschehen,
    in allem Streben, und jedem Ergebnis
    der Arbeit dieser Welt ist.

     

  13. Und da Natur beständig schafft,
    wird also auch Dein Tun sich weiterhin vollziehen.
    Du aber lerne zu erleben,
    daß nicht Du Ausführender dieser Tätigkeit bist.
    Beobachte einfach.
    Sieh unberührt der Arbeitsweise der Natur,
    dem Spiel und Zauber ihrer Ureigenschaften zu.
    Betrachte still dies Tätigsein in Dir
    und sieh Dich um, was um Dich her geschieht,
    daß Du in ihm die gleiche Arbeitsweise
    in Anderen erkennest.
    Erkenne, daß aus Deinem und ihrem Schaffen
    stets etwas anderes hervorgeht,
    als Du gewünscht hast und sie erwarteten.
    Sieh ein, daß es nicht ihr Ergebnis,
    nicht Deines ist, sondern das einer
    größeren Macht, die hier im Weltall will
    und wirkt und es allmächtig bestimmt.
    Erlebe auch, daß selbst der Wille
    Deines Tuns nicht Dir,
    sondern der Natur eigen ist,
    daß es das Wollen Deines Ich-Sinns ist
    - von jener Eigenschaft bestimmt,
    die die Natur in der Vergangenheit
    entwickelt hat oder die sie jetzt hervorhebt,
    daß sie Dein Leben bestimme.
    Das ist das Spiel Deines natürlichen Daseins
    und solche Bildung der Natur
    ist nicht Dein wahres Wesen.
    Sammle Dich aus dieser äußeren Gestaltung
    in Dein inneres, schweigendes Selbst
    und Du wirst Dich - die Seele -
    untätig finden, wirst die Natur
    ihren Gang gehen sehen,
    wie er den Ureigenschaften entspricht.
    Festige Dich in dieser inneren
    Untätigkeit und Stille.
    Sieh in Dir nicht länger den Handelnden.
    Lebe Dich über dem Spiel,
    frei vom rastlosen Gang der Ureigenschaften.
    Gelingt es Dir,
    unberührt vom sterblichen Gewoge,
    das in Deinen Gliedern fortfährt,
    sicher in der Reinheit unpersönlichen
    Geistes zu leben, wirst Du Dich in die
    große Erlösung weiter Freiheit
    und tiefen Friedens aufgehoben finden.
    So wirst Du gottesbewußt und unsterblich.
    Unberührt vom Geschehen der Natur,
    unbefleckt von Leidenschaft und Sünde,
    Schmerz und Sorge, frei von Denken,
    Leben und Körper und vom zeitlosen Sein
    Deines Selbst besessen, wird Dir Dein
    geistiges Wesen Gewißheit sein.
    Dann werden Dir Deine Freuden
    und Wünsche nicht sterbliche, äußere,
    weltliche Dinge bestimmen.
    Dir immer eigen wird Dich
    die selbstgenügende Wonne ruhigen,
    ewigen Geistes erfüllen.
    Dann ist Dein Leben als denkendes
    Geschöpf beendet. Denn nun bist Du
    grenzenloser Geist geworden.
    Und indem Du aus Deinem Verstand
    allen Gedankensamen, alle Wurzeln der Begierde
    und das Bild körperlicher Geburt verweist,
    findest Du Dich zur Ewigkeit
    des schweigenden Selbst
    und durch Sammlung
    im reinen Ewigen, durch mächtige
    Übertragung Deines Bewußtseins
    in das Unendliche und Absolute
    Deinem Ziel entgegenzugehen befähigt.

     

  14. Die Wahrheit des Großen Werkes aber
    erschöpft sich nicht in solchem Tun.
    Ich biete Dir nicht dieses Ziel
    und diese Art des Anfangs zu erwägen an,
    obgleich es großes Ziel und großer Anfang ist.
    Denn ewig wirke ich in Dir
    und fordere also Deine Werke.
    Ich will nicht Dein dem leeren Ablauf
    der Natur lässiges Zustimmen.
    Du bist in Deinem Selbst
    von ihr nicht ganz getrennt,
    sie ist Dir nicht fern und unwesentlich.
    $o verlange ich von Dir
    vollendetes, göttliches Tätigsein.
    Für Gott in Dir und Anderen
    und für die Welt mußt Du dieses Tun
    als williges und verstehendes Werkzeug
    des Göttlichen leisten.
    Solches zu erwägen biete ich Dir nicht nur
    als Mittel zur Vollendung in der erhabenen,
    geistigen Natur, sondern auch als Vollzug
    dieser Vollendung an.
    Tätigkeit ist ein Teil umfassender Gotteserkenntnis
    und geheimnisvollerer Wahrheit,
    ein Teil vollendeten Lebens im Göttlichen.
    Auch wenn Du die Freiheit gewonnen
    und Dich erfüllt hast,
    kannst und sollst Du tätig sein.
    Ich fordere von Dir das Tun des Befreiten,
    die Werke des Vollendeten.
    Vereine diesem ersten Großen Werk
    des Wissens in erleuchteter Gotteserkenntnis
    des Handelns Großes Werk,
    daß Arbeit und Wissen eines Geistes werden.
    Denn das Werk, das in vollendeter
    Selbst- und Gottvision,
    in einer Vision Gottes in der Welt
    und der Welt in Gott geleistet wurde,
    ist sich regendes Wissen,
    eine Schwingung des Lichtes,
    ein unentbehrliches Mittel
    und inniger Teil der Vollendung.
    Darum erfahre nicht nur jene hohe
    Unpersönlichkeit, sondern wisse auch,
    daß der Erhabene, dem man als reines,
    schweigendes Selbst begegnet,
    sich auch als weiter, dynamischer Geist zeigt,
    der Urquell aller Tätigkeit, Herr der Welten
    und Meister jedes menschlichen Bemühens,
    Schaffens und Opferns ist.

     

  15. Das scheinbar eigenwillige Getriebe
    der Natur, verbirgt in sich den treibenden
    und leitenden Willen Gottes,
    der seinen Zweck bestimmt.
    Da Du Dich in der engen Zelle
    Deiner Persönlichkeit einschließt
    und Dich wie blind an Deine Vorstellung
    vom Ich und seinen Begierden klammerst,
    vermagst Du diesen Willen
    weder zu fühlen noch zu erkennen.
    Um ihn zu vollziehen,
    muß Dich Erkenntnis zum Unpersönlichen
    erhoben und so geweitet haben,
    daß Du im Selbst und in Gott alle Dinge
    und in allen Dingen das Selbst und den Gott
    zu begreifen vermagst.
    Alles Werden ist des Geistes Macht.
    Ein jeder vollbringt sein Werk
    durch den ihm innewohnenden Gott
    und seine Gegenwart im Herzen aller Geschöpfe.
    Den Welterschaffenden
    engen seine Schöpfungen nicht ein.
    Der Herr der Werke ist seinem Tun
    nicht verbunden. Der göttliche Wille
    hängt nicht an seiner Arbeit
    und ihren Ergebnissen.
    Allmächtig, allbesitzend
    und allselig sieht der Herr
    aus seinem überirdischen Sein
    auf das von ihm Erschaffene herab,
    nimmt menschliche Gestalt an,
    ist in Dir und herrscht von Innen
    über alle Dinge, ihrer Natur gemäß.
    So mußt auch Du in der Weise göttlicher Natur,
    unberührt von Beschränkung, Gebundenheit
    und Knechtschaft, Dein Werk in ihm vollbringen.
    Sei zum größten Wohle aller tätig, handle
    im Sinn des Fortschritts dieser Welt.
    Schütze oder führe ihre Völker.
    Von Dir wird gefordert, dem befreiten Meister
    des Großen Werkes gleich zu handeln.
    Denn sein Tun ist unmittelbarer Ausdruck
    einer freien, von Gott getragenen Kraft,
    ist eine gleichsinnige Bewegung,
    ein selbst- und wunschloses Vollbringen.
    In einem ersten Schritt zu dieser freien,
    gleichmütigen, göttlichen Weise zu handeln
    mußt Du Deine Bindungen an Lohn
    und Erfolg lösen, und nur dem Werke dienen,
    das es zu leisten gilt.
    Denn dies ist notwendend:
    tief in sich zu fühlen, daß die Früchte nicht Dir gehören,
    sondern dem Herren der Welt.
    Ihm weihe darum Dein Tun und überlaß
    seine Folgen dem Geist,
    der sich im Geschehen des Weltalls
    gestaltet und erfüllt.
    Sein Wille bestimmt das Ergebnis Deines Tuns.
    Und welcher Art dies auch immer sei,
    gut oder böse, erfolgreich oder mißlungen,
    er wendet es, daß es den Sinn der Welt
    zu erfüllen diene.

     

  16. Ein vollkommen teilnahms-
    und wunschloses Schaffen
    Deines eigenen Wollens
    und Deiner ganzen werkzeughaften Natur
    ist erstes Gesetz im Großen Werk des Handelns.
    Fordere keine Früchte.
    Nimm jedes Ergebnis, das Dir zuteil wird, hin.
    Nimm es mit Gleichmut und ruhiger Freude an.
    Vernichtet oder erfolgreich, glücklich oder elend,
    folge unbekümmert und ohne Zögern
    dem steilen Pfad göttlichen Vollzugs.
    Dies ist jedoch nur ein erster Schritt auf dem Weg.
    Denn Du mußt nicht allein
    den Ergebnissen Deiner Arbeit,
    sondern auch Deinem Schaffen selbst entsagen.
    Sieh in Deinem Wirken
    nicht länger eigenes Tun.
    Wie Du die Früchte der Arbeit dahingabst,
    so weihe dem Herren der Tat
    und des geopferten Strebens
    nun auch Deine Arbeit.
    Erkenne, daß es Deine Natur ist,
    die Dir das Handeln bestimmt.
    Sie leitet den unmittelbaren Gang
    Deiner Entwicklung und entscheidet,
    indem sie der vollbringenden Kraft
    allgemeiner Natur, über Ausdruck
    und Entfaltung Deines Geistes entspricht.
    Verwirre die Schritte Deiner Vernunft
    auf ihrem Weg zu Gott nicht länger
    durch eigenes Wollen.
    Bekenne Dich zur Tat,
    die Deiner Natur entspricht.
    Gib opfernd alles Tun, vom größten,
    ungewöhnlichsten Bemühen,
    bis zur geringsten, alltäglichen Handlung,
    gib jede Tätigkeit Deines Denkens,
    Deines Herzens und Körpers,
    jede innere und äußere Regung,
    jeden Gedanken und Willen,
    jedes Gefühl und jede Bewegung,
    jeden Schritt und jede Rast
    dem Herrn von Opfer und Entsagung hin.
    Wisse sodann, daß Du des Ewigen
    ewiger Teil bist und die Mächte Deiner Natur,
    die nicht ohne ihn wären,
    sein teilhaftiger Selbstausdruck sind.
    Langsam erfüllt das Göttlich-Unendliche
    sich in Deiner Natur.

     

  17. Die erhabene Macht-zu-sein,
    die Kraft des Herrn,
    formt Deine Entwicklung
    und gestaltet sich in ihr.
    Glaube darum nicht länger,
    daß Du der Handelnde seist.
    Sieh allein im Ewigen den Vollbringenden.
    Ihm gib Dein natürliches Wesen
    als Gelegenheit, als Werkzeug und Leiter
    seiner Macht, als Mittel zur Gestaltung hin.
    Reiche ihm Dein Wollen dar,
    auf das dieses sich seinem ewigen Willen vereine.
    Weihe dem überirdischen Meister Deiner Natur
    in der Stille Deines Selbstes
    und Geistes alles Tun.
    Dies kann nicht ganz,
    nicht wirklich vollbracht werden,
    da Dich noch die Vorstellung eines Ichs,
    der Anspruch des Denkens oder ein Aufruhr
    Deiner Lebenskräfte beherrscht.
    Jedes Tun, das Deinem Ich,
    und sei es auf noch so unscheinbare Weise dient,
    das noch von Begierde und eigenem Wollen gefärbt ist,
    ist kein vollendetes Opfer.
    Solange noch nicht alles von Gleichmut
    erfüllt ist und noch die Zeichen
    unwissender Abscheu und Vorliebe währen,
    kann diese große Aufgabe nicht gut
    und wahrhaftig geleistet werden.
    Wenn aber im Angesicht aller Tätigkeiten
    und Ergebnisse tiefe Gelassenheit herrscht,
    wenn sich die Hingabe -
    abgewandt von Ich und Begehren-
    nun an das Höchste vollzieht,
    dann bestimmt göttlicher Wille
    in der Reinheit und Sicherheit
    Deiner verwandelten Natur
    ohne Irrungen und Verzerrung
    alles Tun und frei von niederem Einspruch
    oder hinderndem Wirken
    vollzieht sich die göttliche Macht.

     

  18. Wenn Du dem göttlichen Willen
    in seiner unbefleckten, erhabenen Gewalt
    durch Dich hin die Gestaltung
    einer jeden Handlung gewährst,
    ist Dir die äußerste Vollendung,
    zu der Dich das Große Werk des Handelns
    führen kann, gelungen.
    Ist solches vollbracht, wird Deine Natur
    ihrem kosmischen Gang,
    in bleibender inniger Vereinigung
    mit dem Erhabensten folgen,
    wird höchstem Selbst Ausdruck sein
    und dem Herrn der Schöpfung gehorchen.
    Dieser Weg göttlichen Tuns
    ist wahrhaftig eine bessere
    und sichere Art der Erlösung, als die,
    dem Leben und Handeln körperlich zu entsagen.
    Nie ist solches vollkommen möglich
    und die Freiheit des Geistes
    kann es selbst im Maße des Möglichen entbehren.
    Auch ist es eine gefährliche Art,
    übt sie doch auf gewöhnliche Menschen
    irreführenden Einfluß aus.
    Die Besten und Größten unter ihnen
    schufen ein Richtmaß,
    dem der Rest der Menschheit
    zu folgen sich müht.
    Da Tätigkeit die Natur verkörperten Geistes ist
    und Werke der Wille des ewigen Schaffenden,
    sollten reife Meister und große Denker
    dieser Wahrheit Gestalt verleihen.
    Weltschaffende sollten sie sein,
    die alle Arbeit auf Erden ausnahmslos leisteten,
    unabhängige, freudige, wunschlose Gottesarbeiter,
    freie Seelen und Naturen.
    Hinter erkennendem Denken
    und leistendem Willen,
    ruft in Deinem Innern ein Herz nach Seligkeit.
    Auch hier, in des Herzens Kraft und Herrlichkeit,
    in seinem Drang nach höchster Freude
    und seelischer Erfüllung
    muß Deine Natur gewandelt
    und in die bewußte Verzückung
    des Göttlichen erhoben werden.
    Denn ein Wissen um das unpersönliche Selbst
    trägt eigene Seligkeit in sich,
    die Freude der Unpersönlichkeit,
    ein einziges Glück reinen Geistes.
    Das allumfassende Wissen aber
    birgt eine größere dreifache Wonne:
    es öffnet die Pforten zu überirdischer Seligkeit,
    erlöst in grenzenlose Freude
    einer umfassenden Unpersönlichkeit
    und entdeckt die Begeisterung
    dieser mannigfaltigen Gestaltung;
    denn in der Natur herrscht
    das Entzücken des Ewigen.
    Als irdischer Teil des Göttlichen
    wandelt sich die Seligkeit der Seele,
    die ihrem erhabenen Selbst,
    dem Meister ihres Seins,
    die der Gottheit als ihrer Quelle
    entspringt, in Verzückung.
    Eine unendliche Verehrung Gottes und Liebe
    zu ihm weitet sich in eine Liebe zur Welt,
    zu all ihren Formen, Gestalten und Geschöpfen.
    In ,allem wird das Göttliche entdeckt,
    gefühlt, erkannt und verehrt
    und ihm wird gedient.
    Gewinn Dir daher zu Wissen und Werk
    diese Krone ewiger dreieiniger Seligkeit.
    Gewähre Dir diese Liebe,
    erlerne diese Verehrung,
    und vereine sie dem Geist
    Deiner Werke und Deines Wissens.
    Das ist der Gipfel vollendeter Vollendung.

     

  19. Dies Große Werk der Liebe
    wird Dir höchstmögliche Kraft
    zu geistiger Weite, Einheit
    und Freiheit verleihen.
    Aber die Liehe muß dem Wissen um Gott gleichen.
    Es gibt eine verehrende Weise,
    die ihn im Leid zu Trost, zu Hilfe
    und Erlösung ruft.
    Eine andere will seine Gaben,
    seinen göttlichen Beistand und Schutz,
    will ihn als Quelle, den Wünschen zur Befriedigung.
    Und schließlich wendet sich ihm
    eine noch unwissende Art der Verehrung
    um Licht und Wissen zu.
    Beschränkt man sich so,
    wird wohl das Treiben der natürlichen Ureigenschaften
    selbst in höchster, edelster Gottzuwendung fortwähren.
    Wenn aber der Gottliebende ein Gottwissender ist,
    wird der Liebende ein Selbst mit dem Geliebten.
    Dann ist er Erwählter des Höchsten,
    ist des Geistes Auserkorener.
    Entfalte in Dir diese Gott ganz ergreifende Liebe.
    Aufgehoben über die Grenzen seiner niederen Natur
    und vergeistigt, wird Dir das Herz Gottes
    unermeßlichen Seins innigstes Geheimnis offenbaren,
    wird Deinem Innern das ganze Gefühl,
    den Einfluß und die Herrlichkeit
    seiner göttlichen Macht schenken
    und Dir das Tor zu den Mysterium
    ewigen Entzückens öffnen - ,
    denn vollendete Liebe erschließt Dir
    vollkommnes Wissen.
    Diese umfassende Gottesliebe fordert auch,
    daß all Dein Tun dem Göttlichen in Dir diene,
    und in allen Geschöpfen.
    Der gewöhnliche Mensrh
    gehorcht in seinem Tätigsein
    einern sündhaften oder tugendsamen Streben,
    einem niederen oder erhabenen lebenskräftigen Trieb,
    einem alltäglichen oder verfeinerten Willen,
    einer unklaren gedanklichen und lebensregen Veranlassung.
    Dein Tun aber soll frei und wunschlos sein.
    Ohne Verlangen vollbracht,
    wirkt das Geschaffene nicht auf Dich ein
    und legt Dir keine Ketten an.
    Es ist, wenn in vollkommenem Gleichmut,
    in Frieden und ungestörter Ruhe,
    jedoch ohne göttliche Leidenschaft geleistet,
    zunächst eine zarte Bürde geistiger Verpflichtung.
    Später steigt es dann als göttliches Opfer auf.
    In seiner höchsten Form kann Dein Werk
    der Ausdruck eines, tätiger Einheit frohen,
    ruhigen Zustimmens sein.
    Eine liebende Einheit aber
    wird Größeres vollbringen,
    wird der ersten, sicheren Ruhe tiefes,
    steigendes Entzücken Verleihen,
    - nicht das schwache Feuer selbstsüchtiger Begierde,
    sondern ein Meer unendlicher Seligkeit.
    Sie wird Deine Werke
    mit dem lebendigen Bewußtsein
    und der reinen, göttlichen Leidenschaft füllen,
    die sich in Gegenwart des Geliebten erheben.

     

  20. Eine immerwährende Freude wird sich ausbreiten,
    eine Freude am Werk
    für Gott in Dir und allen Wesen.
    Deines Wissens, Deiner Taten Krone ist die Liebe.
    Diese wissende Liebe,
    die Deiner Taten Herz sein kann,
    wird Dir in Deiner höchsten Weihe
    und umfassenden Vollendung
    zur wirksamsten Kraft.
    Ein vollkommenes spirituelles Leben
    ist nur möglich, wenn sich menschliches Wesen
    göttlichem Sein vereint.
    So wende Dich denn ganz dem Göttlichen zu.
    Vereine ihm durch Liebe, Wissen
    und Werk Deine Natur.
    Lege willig Dein Herz, Dein Denken
    und Wollen und all Dein Gewußtes,
    ja selbst Deine Sinne und Deinen Körper
    ihm in die Hände.
    Gib Dein Bewußtsein seiner Gestaltung hin,
    daß er es auf große Art zur reinen Form
    seines göttlichen Bewußtseins bilde.
    Dein Herz sei ein hell flammendes Gottesherz,
    Dein Wille. das unfehlbare Geschehen seines Willen.
    Dein Sinn, ein entzücktes Gefühl des Göttlichen
    und Dein Körper, sei sein Leib.
    Verehre ihn und gib Dich hin
    mit allem was Du bist.
    Gedenke sein bei jedem Tun,
    in jedem Gefühl, mit jedem Gedanken
    und jeder Regung.
    Harre aus, bis all dies ganz sein Eigen ist,
    bis er seine sich immer wandelnde Gegenwart
    so wie im innigsten, geheimen Raume Deines Geistes
    auch in den gewöhnlichsten, äußersten Dingen
    zu sich erhebt.
    Auf diesem dreieinigen Weg,
    kannst Du aus niederem Dasein
    zu Deiner verborgenen, überbewußten,
    höchst geistigen Natur aufsteigen.
    Ein Teil hoher Unendlichkeit und Gottheit
    und im Gesetz des Seins ihr gleich,
    ist sie dem Selbst in seinem Wahrsein eigen,
    das nun nicht länger in veräußerter Illusion weilt.
    Dieser Vollendung und Einheit
    magst Du Dich in dem ihr eigenen,
    ursprünglichen Zustand erfreuen,
    fern in erhabenem überirdischen Sein.
    Aber auch auf Erden kannst
    und sollst Du sie verwirklichen,
    in der körperlichen Welt, hier,
    im menschlichen Leib.
    Dazu genügt es nicht, ruhig, untätig
    und von den Ureigenschaften der Natur befreit,
    im inneren Selbst zu verharren,
    dem leeren Treiben in Deinen
    äußeren Gliedern Zuzusehen
    und es gleichgültig geschehen zu lassen.
    Denn nicht nur das Selbst,
    auch die tätige Natur
    muß dem Göttlichen geweiht
    und endlich selber göttlich werden.
    Alles was Du bist muß in ein Seins-Gesetz
    mit der höchsten Seele hineinwachsen.

     

  21. Alles muß sich in mein bewußtes,
    geistiges Werden wandeln.
    Darum sollst Du ganze Hingabe leisten.
    Komm mit allem zu mir,
    mit Deinem ganzen Wesen und Deiner Natur.
    Nur das wird Dich zur großen Wandlung
    und Vollendung führen.
    Dieser hohe Vollzug des Großen Werkes
    wird des Handelns schwere Frage
    augenblicklich lösen,
    wird sie mit all ihren Wurzeln beseitigen.
    In beschwerliche Verwicklungen verstrickt
    gleicht menschliches Tun dem Urwald,
    in dessen Verschlingung und Gewirr
    einige dunkle oder halbhelle Pfade
    mehr hinein als hindurchgeschlagen wurden.
    Aber all diesen Hindernissen und Mühen
    findet der Mensch sich nur gegenüber,
    weil ihn die Unwissenheit seiner denkenden,
    lebenden und körperlichen Natur gefangen hält,
    deren Eigenschaften ihn beherrschen.
    Dennoch quält ihn in seinem Willen eine Verantwortung.
    Etwas in ihm fühlt sich als Seele,
    die sein sollte, was ihm jetzt nicht
    oder nur sehr unvollkommen zu sein gelingt:
    Herr und Meister seiner Natur.
    So sind denn all seine Lebensgesetze
    unvollkommen, zeitwährend und höchstens
    zum Teil recht oder wahr.
    Um die Beschränkungen zu überwinden,
    muß er sich selbst, muß die wahre Natur,
    der Welt in der er lebt
    und vor allem das Ewige,
    daher er kommt, in dem
    und durch das er sein Dasein hat, erkennen.
    Einmal im Besitz wahren Bewußtseins
    stellen sich ihm keine Fragen mehr.
    Denn nun handelt er frei aus Innen,
    lebt die Wahrheit seines Geistes,
    seiner höchsten Natur.
    In der Fülle größten Wissens
    ist nicht er der Vollziehende
    sondern das Göttliche,
    das ewige, unendliche Eine,
    das in befreiter Weisheit, Macht und
    Vollendung in ihm und hin durch ihn tätig ist.

     

  22. In seinem natürlichen Wesen ist der Mensch
    ein harmonisches, leidenschaftliches
    und träges Geschöpf der Natur.
    Wie ihn diese oder jene Ureigenschaft beherrscht
    erhebt er sie zum Gesetz seines Seins
    und Handelns, dem er folgt.
    Sein träges, körperliches Sinnesdenken
    gehorcht entweder angstvoll und unwissend
    dem Zwang der Umgebung
    und den krampfartigen Trieben eigener Begierden,
    oder sucht in gewohnter Befolgung
    einer stumpfen, herkömmlichen Denkungsart Schutz.
    Der Begierde leidenschaftliches Sinnen
    ringt mit der Welt in der es lebt,
    sucht beständig Neues zu besitzen,
    zu befehlen und zu kämpfen, zu erobern,
    zu erschaffen, zu ,zerstören und zu sammeln.
    Hin- und hergevvorfen zwischen Gelingen
    und Versagen, Freude und Schmerz,
    Triumph und Verzweiflung
    drängt es unaufhörlich vorwärts.
    Welchem Gebot es sich auch immer
    zu beugen scheint - am Ende folgt es doch
    immer nur dem Gesetz seines niederen Wesens, dem Ich,
    jenem ruhelosen, unermüdlichen,
    selbst- und allesverschlingenden Sinn
    feindlicher Natur.
    Der harmonische Verstand
    überwindet diesen Zustand,
    wenn auch unvollkommen.
    Er bemüht sich, einem höheren Gesetz zu folgen,
    als es uns Begierde und Selbstsucht
    aufzudrängen suchen
    und errichtet sich gesellschaftliche,
    religiöse und ethische Maßstäbe, sich unterordnend.
    Höherem vermag gewöhnliche Vernunft
    sich nicht zu öffnen, als die Leitung
    ihres Denkens und Wollens
    einem Ideal zu überlassen,
    einer praktischen Regel
    und dieser in der Lebensführung
    mit möglichster Aufrichtigkeit zu folgen.
    Das harmonische Denken muß jedoch
    in seine höchsten Fähigkeiten hinein entwickelt werden,
    in denen es gelingt, alle Verwirrungen
    selbstsüchtiger Antriebe auszurotten,
    dem Gesetz um seinetwillen,
    als unpersönlichem gesellschaftlichem,
    ethischem oder religiösem Ideal zu folgen
    und das Zuleistende um seines Rechtes willen
    anteilnahmslos zu vollbringen.

     

  23. Die wahrhaftige Wahrheit
    aller natürlichen Tätigkeit aber
    liegt weniger in äußerem Denken,
    als in Inständigem, in diesem einen,
    daß der Mensch eine Seele ist.
    In stoffliche und denkende Natur verstrickt,
    folgt er durch das innere Gesetz seines Seins,
    einer sich entfaltenden Ordnung eigener Entwicklung.
    Die Art seines Geistes bestimmt ihm Leben,
    Denken und Eigenwerden.
    Jeder Mensch ist solch ein Eigenwerden,
    ist Träger des Gesetzes
    seines innersten Wesens,
    das er erkennen, beachten
    und dem er folgen muß.
    Von eigener, innerer Natur bestimmt,
    wird ihm sein Tun gültiges Gesetz.
    Ihm zu folgen, ist die wahre Weise
    seiner Entwicklung, es zu mißachten,
    ein Aufruf an Verwirrung, Irrtum und Aufschub.
    Gesellschaftliche, ethische, religiöse
    oder andere Gesetze und Ideale dienen ihm,
    wenn sie sein Eigenwerden zu vollziehen
    und erfüllen helfen. Dennoch wird all dieses Tun,
    auch in vollkommensten Formen,
    von den Schranken des Verstandes
    und dem Spiel der natürlichen Ureigenschaften bestimmt.
    Nur wenn sich die Seele des Menschen findet,
    kann diese Unwissenheit überwunden
    und mit der Verwirrung der Ureigenschaften,
    aus dem Bewußtsein entfernt werden.
    Wohl wird Deine Natur ihren alten Weg
    fortsetzen und eine Zeit noch auf niedere Art
    tätig sein - selbst wenn Du Dich gefunden
    und in Dir zu leben begonnen hast.
    Aber nun kannst Du dieses Tun
    im vollen Wissen um Dein Selbst verfolgen
    und es dem Herrn Deines Daseins weihen.

     

  24. So folge denn
    dem Gesetz Deines Eigenwerdens,
    leiste das Werk das dieses erfordert,
    welcher Art es auch sei.
    Weise alle selbstsüchtigen Triebe,
    jeden Anlaß zu eigenem Wollen
    und beherrschenden Begierden
    von Dir, bis es Dir mit allem Sein gelingt,
    Dich dem Höchsten hinzugeben.
    Einmal fähig, solches zu vollbringen
    wird es Zeit sein, daß Du jeden eigenen Trieb
    zu handeln, Deiner innigsten Gottheit weihest,
    damit Du von allen Lebensregeln erlöst
    und von allen Gesetzen des Handelns befreit seist.
    Des Göttlichen innige Macht und Gegenwart
    wird Dir der Weg aus Elend und Sünde sein
    und Dich hoch über menschliche Tugend erheben.
    Du wirst im unmittelbaren Recht,
    in der Reinheit spirituellen Seins
    und göttlicher Natur leben und tätig sein.
    Nicht Dein Wollen wird sich erfüllen,
    sondern der göttliche Wille,
    daß er zu Deinem :göttlichen Glück
    und dem gestalteten oder geheimen Wohl Aller
    (nicht aber Deine niederen Begierden zu stillen),
    durch Dich hin sein Werk vollbringe.
    Von Licht überflutet
    wirst Du die Gestalt der Gottheit in der Welt
    und den Werken der Zeit erkennen,
    wirst ihren Sinn begreifen
    und ihren Aufruf vernehmen.

     

  25. Als Instrument wird Deine Natur
    ihren Willen empfangen,
    welcher Art er auch sei, und ihn fraglos vollziehen.
    Denn jeden Antrieb zu handeln,
    wird von Oben und Innen ein Wissen begleiten,
    und ein in göttliche Weisheit,
    und ihre Bedeutung erleuchtetes Einstimmen.
    Ihrer wird die Schlacht sein,
    ihrer der Sieg und das Reich.
    So wirst Du Dich in Leben und Leib vollenden.
    Und über den Welten zeitlicher Geburt
    wird Dir das erhabene, ewige
    Wahrheitsbewußtsein eigen sein.
    Des großen Spirits höchster Zustand
    wird Dich aus den Zyklen der Wiedergeburt
    und den quälenden Todesängsten
    für immer befreien. In irdischem Leben
    hast Du der Gottheit Ausdruck verliehen,
    und wenn Deine Seele auch in Denken
    und Körperlichkeit herabstieg,
    wird sie doch immer des Spirits
    weite Ewigkeit leben.
    So ist denn dies die größte Tat:
    diese vollkommene Überantwortung
    Deines ganzen Selbst und Deiner Natur,
    diese Hingabe aller Lebensgesetze
    an das Göttliche - Dein höchstes Selbst,
    diese namenlose Sehnsucht Deines
    ganzen Seins nach höchster spiritueller Natur.
    Einmal vollbracht, sei es im Aufbruch
    oder später auf dem Weg,
    wird Dir Dein Schritt sicher werden,
    Deine Vollendung gewiß,
    - wer immer Du seist oder warst.
    Eine hohe Gegenwart wird Dir im Innern
    das Große Werk abnehmen und es,
    Deinem Eigenwerden folgend,
    schnell vollenden.
    Als Instrument wird Deine Natur
    ihren Willen empfangen,
    wird göttliche Macht durch Dich vollziehen.
    Das ist der erhabenste Weg,
    weil höchstes Geheimnis und Mysterium
    und doch bleibt es ein inneres Geschehen,
    das hin durch die Zeit von allen
    verwirklicht werden kann.
    Das ist Deines wirklichen spirituellen Daseins
    tiefste, innigste Wahrheit.


Auszug aus dem Buch Essays über die Gita von Sri Aurobindo,
in der Übersetzung von Jobst Mühling. Das Wort Spirit als das Absolute Seiende, das jenseits des Geistes beheimatet ist, obwohl es alles durchdringt, läßt sich nur bedingt mit Geist übersetzen, - es sei denn man läßt den üblichen Sinn beiseite (vielleicht verwendet ihn die Religionsphilosophie in einem höheren Sinn ), der natürlich viel zu begrenzt ist, und bildet sich diesen Begriff neu -, habe ich teilweise durch Spirit ersetzt um den Leser behutsam an diesen für uns noch fremdartigen Begriff heranzuführen. Dieser Begriff klingt zunächst kalt und leer d.h. er hat nicht die Wärme wie Geist denn seine eigentliche Natur ist transzendent. Man lese hierzu auch den Artikel: http://www.rolf-helmecke.privat.t-online.de/literatur2//spiritualit.htm
Was ist Spiritualität?"
Es wird ein zukünftiges Problem aller Übersetzer Sri Aurobindos sein. Was sich durchsetzen wird, läßt sich nun erst nach 100 Jahren sehen :-)

R.Helmecke

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